Casa Fernanda – Rubias

Tagespruch

Der Weg ist imme besser als die schönste Herberge

Miguel de Cervantes

meine Erlebnisse

Es ist erst der fünfte Tag und es kommt mir vor, als wäre ich schon ewig unterwegs. Nach der dritten genialen Mahlzeit bei Fernanda gehts darum, weiter zu ziehen. Mein Fuß ist belastbar, der ganze Tag Pause war sehr wichtig. Ich werfe in die Donation-Box einen Betrag unter der Berücksichtigung, dass ich hier wirklich eine Rund-um-Paket bekommen habe. Es folgt eine herzliche Umarmung mit Fernanda und ihrem Mann, der im übrigen im wahren Leben Optiker ist. Oder zumindest dort arbeitet. Fällt mir gerade hier beim Schreiben ein.

Mir ist klar, dass ich nur noch bedingt Lust auf die Begleitung von Viktor habe. Zudem ist er schon vor mir aufgebrochen. Wir haben wohl die ähnlichen Gedanken. Was ja völlig legitim ist. So mache ich mich bei sommerlichen Temperaturen auf den Weg und hole alsbald den fußlahmen Viktor ein. Also laufen wir wieder zusammen. Unbewusst ist es wohl meine Aufgabe ihn auf dem Weg zu führen. Denn permanent übersieht er irgendwelche Pfeile, macht für mich den Eindruck, dass er etwa plan- bzw. hilflos ist. Zudem merke ich, dass ich, obwohl ich gerne und viel quassel keine Lust habe permament auf dem Weg zu reden. Für mich ist die Situation 2021 perfekt. Ich treffe tagsüber kaum auf Menschen, habe dennoch abends immer Kontakt. So ist es auch nach einem Waldstück der Fall, dass ich in meinem Tempo weiterlaufe und Viktor immer mehr hinten abfällt. So erreiche ich dann nach ca. 15 km Ponte de Lima.

Ponte de Lima ist schön, ich merke, dass mein Fuß gut mitmacht, registriere am Ortseingang eine Jugendherberge und überlege noch, ob ich mir die Stadt anschauen will. Ich entscheide mich dagegen, denn es gibt eine öffentliche Herberge auf der anderen Flußseite. Der Plan ist, dort hinzugehen, einzuchecken, dann in aller Ruhe mir die Stadt anzuschauen und mich dann mit genügend Wasser für Morgen einzudecken. Denn ich merke, dass es warm, nahezu heiß geworden ist. Da die öffentlichen Herbergen gerne mit Bargeld bezahlt werden, gehe ich noch schnell an einen Geldautomat und ziehe mir Geld. Dann laufe ich über die Brücke, erreiche die Herberge und darf feststellen, dass diese “due to Covid closed” ist. OOOOkay, kleine Pause im Schatten tut gut, ich überlege weiter. Mir geht es gut und laut Internet soll drei Kilometer entfernt ein Hostel sein. Schöne markiert auf Google maps. Drei Kilometer erscheinen mir ein Klacks und so laufe ich weiter.

Für alle Pilgerer, diese Strecke ist für mich zugleich eine der Schönsten, aber auch verlassensten Strecken. Hier passiert es mir das erste Mal, dass ich mein Taschenmesser vom Rucksack in die Hosentasche stecke und ich irgenwo im Nirgendwo ein bisserl Muffesausen bekomme, weil ich ziemlich lange alleine laufe und keinen Ausweg sehe. Zudem dann unter einer Brücke ein LKW steht und ich dort vorbeilaufen muss. Aber egal. Haltung einnehmen und diese auch nach Außen zeigen. So laufe ich also und komme in das Kaff mit dem vermeintlichen Hostel. Entweder bin ich zu doof oder Google weiß halt doch nicht alles, oder wenn es in Google drin steht heißt es im wahren Leben halt doch nix…

Es ist 13 Uhr, sehr, sehr heiß und auf jeden Fall finde ich kein Hostel. Mein Wasservorrat (2x 1,5 Liter) neigt sich dem Ende, hätte prima gelangt. Aber “hättehättefahrradkette” kennen wir ja.

Da steh ich nun und singe, ach nee, das ist ein anderes Thema. Da steh ich nun und heule fast und beschließe, dass irgendwo ja wieder Zivilisation auftauchen muss. Ich laufe weiter, trinke sparsam und stelle fest, dass ich mitten im Nirgendwo bin. Ich passiere unterhalb eine Autobahn, es ist trocken, sandig, heiß und insgeheim bin ich wieder in der Situation: “warum zur Hölle machst Du das?” Mittlerweile bin ich so weit gelaufen, dass es keinen Sinn macht umzudrehen.

Ich laufe also weiter, bergauf, bergab, durchs Gestrüpp und igendwann erscheint links von mir ein Haus. Ich bin wirklich kurz vorm Heulen, Wasser alle, die Haut brennt und gehe voller Hoffnung zu diesem Haus. Es steht ein Gerüst vorne dran, also wird auch dran gearbeitet. Ich klopfe, doch es macht niemand auf. Vor dem Hauseingang steht ein Stuhl im Schatten und mittlerweile ist es mir egal. Ich beschließe, dass ich, wenn ich schon dehydriert irgendwo umfalle, das dieser Platz sein soll, denn dort wird mich jemand finden. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich dort gesessen, geheult und mich verflucht habe. Ich hatte niemanden, dem ich die Schuld geben konnte. Ich habs ganz alleine verbockt. Ein Anruf daheim bringt mich auch nicht weiter. Ob es Minuten oder Stunden waren, bis der Besitzer kommt. Ich kann es Dir nicht sagen. Auf jeden Fall war er not amused mich zu sehen. Verständlicherweise fragt er, was ich da gedenke zu machen. Ich erkläre ihm die Situation und hoffe insgeheim, dass er mein Engel auf dem Pilgerweg sein MUSS. Weit gefehlt. Er hört sich meine Geschichte an, denkt sich wahrscheinlich, selbst dran schuld, steigt auf sein Gerüst und werkelt munter weiter. Ich sitze somit da, probiere wieder zu Kräften zu kommen, bis er wohl ein Einsehen mit mir hat und mir Wasser und Obst anbietet.

Was ich natürlich dankend annehme. Ich darf eine weitere Flasche auch mitnehmen. Ich regeneriere, hoffe und entschließe dann, dass ich hier nicht mehr erwarten kann. Laut Navigation sind es weitere drei Kilometer bis zum nächsten Ort. Ich laufe los und darf auch hier feststellen, dass weder Bus, Taxi, Bahn noch Hostel aufzutreiben sind. Also geht es wieder weiter. Mittlerweile ist es mir egal, ich habe aufgehört, die Kilometer zu zählen und laufe dann in einem wirklich kleine Pupsort ein. Es gibt ein Mini-Mini-Mercado. Ich plündere das Kekseregal samt Coca Cola, probiere mit Händen und Füßen meine Situation den Alten Gästen zu beschreiben. Leider verstehen wir uns nicht.

Ich merke, dass ich auch hier nicht weiter komme und halte mich an Schokokeks mit Cola fest und überlege, wie es weiter geht. Denn so wirklich schaffe ich den Sprung nicht, ein wildfremdes Auto anzuhalten und um per Anhalter weiter zukommen.

Dann sehe ich auf der Straße einen Bauer. Samt Googletranslater probiere ich meine Situation zu erklären. Habe aber das Gefühl, dass er auch wieder nichts versteht. Somit vergeht wieder Zeit. Ich verstehe nur, dass er mir anzeigt, Platz zu nehmen und zu warten. Irgendwann kommt ein Auto an und ich verstehe, dass dies sein Sohn ist . Hallejulia! Er kann Englisch. Juchu!

Und hier erfahre ich, warum manche von Engeln auf dem Pilgerweg sprechen: Diese zwei waren goldwert! Mein Rucksack und ich werden ins Auto gestopft und sie fahren mich Richtung Rubias. Ich darf auf der Fahrt feststellen, dass ich diese Strecke niemals alleine in meinem Zustand hinbekommen hätte, denn hier ist der höchste Anstieg auf dem Caminho Portuguese! Allein im Auto sind es noch über 16 km! Manch einer wird denken, wann läuf sie denn überhaupt. Schon wieder Auto…

Obrigada an meine beiden Engel, die mich diese Strecke zur nächsten Herberge gefahren haben!!! Völlig frei, ohne einen Cent anzunehmen!!!

Im Ort ist ein Restaurant, welches im anderen Ort eine Herberge haben. Es gibt einen Shuttle, dieser fährt mich zum Haus. Dort bin ich erst einmal allein. Müde, dankbar und fasssungslos, wie schnell sich so ein Weg doch auch prenzlig erweisen kann.

Durch die Hitze, Staub, Dreck darf ich zudem Bekanntschaft mit einem roten Ausschlag an meinen Beinen machen. Später durfte ich lernen: Pilgerkrätze.

Ich hoffe, dass ich keinen Hitzeschlag erlitten habe, danke meiner Mutter, dass sie so vehement auf einen Sonnenhut bestanden hat und bedanke mich im Pilgerhimmel, dass diese Aktion so glimpflich von Statten gegangen ist.

Mein shuttle holt mich zum Abendessen ab und ich komme wieder in den Genießerstatus.

Zahlen, Daten, Fakten

knappe 23 km zu Fuß, 15 km per Auto

höchster Punkt 400 m, niedrigster Punkt 60 m.

08:19h unterwegs