achtsame Kommunikation will gelernt sein auf dem Jakobsweg

Barcelos – Casa Fernanda

Tagesspruch

Ich fühle mich nie weniger einsam, als wenn ich allein bin

Johann Nestroy

meine Notizen

Ich  mache es kurz: ich habe geschummelt und mit Viktor ein Taxi genommen. Der Pilgerhimmel rückt in noch weitere Ferne…

Warum diese Etappe dennoch sehr lehrreich war und mich an mein eigentliches Vorhaben erinnert hat, dass ich nicht auch noch auf dem Jakobsweg Kompromisse eingehen will, dass erfährst Du jetzt:

So, ich habe es getan und meine erste Nacht in einer Pilgerherberge mit drei anderen Menschen verbracht. Rückblickend kann ich schon jetzt sagen, dass 2021 ein gutes Jahr war. Die Herbergen waren (relativ) leer, außerdem habe ich immer eine Unterkunft gefunden. Ich hatte ja nichts vorgebucht.

Wie in den letzten Tagen habe ich aufgrund meiner Schmerzen nicht gut geschlafen. Zudem war Viktor ziemlich unruhig nachts. Ich stehe gegen halb sieben auf und überlege, während ich mich fertig mache, wie ich die heutige Etappe überstehen soll. Laut Gronze und den anderen Infos ist es bis zu Fernanda eine Strecke von 20 km. In der Facebookgruppe von Anne Chantal wird Fernanda besonders erwähnt und gefeiert. Sie ist eine Ikone auf dem Jakobsweg. Das war auch der Grund, warum ich mir genau diese Casa auf dem Central ausgesucht habe.

Während ich mich also fertig mache, erwähnt Viktor, dass er sich ein Taxi holen will. Ich überlege. Will ich das? Es ist im Übrigen Sonntag. Ich packe weiter und dann meint Viktor, dass er auch einen Bus nehmen würde. Bus ist günstiger. Und ab hier fängt meine Jakobswegsgeschichte mit meinem Lehrmeister Viktor so richtig an.

Ich gestehe, ab einem gewissen Punkt werde ich ungeduldig. Das passiert meistens dann, wenn ich Menschen gegenüber habe, die permanent ihre Meinung ändern. Als Viktor meinte, er will lieber einen Bus nehmen, gebe ich zu bedenken, dass ich nicht davon ausgehe, dass sonntags viele Busse fahren. Nachdem er planlos fragt, wo denn überhaupt Busse abfahren, erläutere ich ihm, dass wir gestern ein Schild gesehen haben mit der Info von einem Bahnhof und ich davon ausgehe, dass dort bestimmt auch Busse und Taxen abfahren.

Wir arrangieren uns, dass wir gemeinsam loslaufen und nach einem Taxistand Ausschau halten. Er ist immer noch fußlahm wegen seiner Blasen. Es ist sonntag, für Portugal zu früh. Kaum ein Café hat offen, also tingeln wir durch die Stadt, suchen den Bahnhof und landen dann für ein Frühstück in einem Café. Während wir dort so sitzen, wird eine Absperrung für ein Radrennen aufgebaut. Ich beiße in mein Croissant und auf einmal hat Viktor die Idee, dass er doch lieber bis Ponte de Lima fahren will. Da das völlig von meinem ursprünglichen Plan entfernt ist, sage ich, dass ich mir dann eine andere Option überlege. Er ist total hilflos und hat überhaupt keinen Plan, da auch er Schmerzen hat. Das rumgeiere geht mir ehrlich gesagt etwas auf den Keks, denn meine Optionen sind klar. Ich will irgendwie zur Casa Fernanda kommen. Notfalls laufen oder trampen. Ich frage die Bedienung, welche Optionen er hat, sie erklärt uns auf Französisch diverse Möglichkeiten und Viktor wird immer unentschlossener. Denn das eine dauert zu lang, das andere ist zu teuer, der Bus fährt nicht. Ich merke immer mehr, dass trotz unserer gemeinsamen Zeit, sich bei mir immer mehr das Gefühl manifestiert, dass ich wieder alleine losziehen will. Am Ende einigen wir uns auf ein Taxi und fahren bis zu Fernanda.

Natürlich sind wir viel zu früh, doch wir werden herzlich empfangen. Fernanda und ihr Mann, bzw. die ganze Familie sind super nett und leben wirklich die Gastfreundschaft. So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Wir kommen an und Fernanda zeigt uns im Garten eine ausgebaute Hütte mit diversen Schlafplätzen innen und sogar einen Außenschlafplatz. Es gibt zwei Badezimmer mit Dusche und vor der ganzen Hütte ist ein überdachter Barbecueplatz. Sie merkt, dass ich Schmerzen habe und rennt in die Küche und kommt mit einem Eimer Wasser samt Essig zurück und erklärt mir, dass dies ein altes Hausmittel sei. Zudem findet sie irgendwo noch einen Igelball, mit welchem ich meine Fußsohle massieren kann.

Während wir so da sitzen kommen zwei deutsche Fahrradtouristen und wollen eine Rast machen. Auch diese werden herzlich aufgenommen. Fernanda reicht Kaffee, Tee und Kekse. Die beiden sind ziemlich durchorganisiert, haben alles vorgebucht und schütteln nur mit dem Kopf, als Viktor und ich erzählen, dass wir heute mit dem Taxi gefahren sind. Ich merke, dass hier zwei Welten aufeinander prallen. Jene, die den Weg genießen wollen, mittlerweile eingesehen haben, dass der Weg einem das gibt, was man benötigt und die anderen, die immer noch krampfhaft versuchen, alles unter Kontrolle zu haben. Mittlerweile ist es mir egal. Zumindest auf dem Jakobsweg beschließe ich, dass ich das People Pleasing ablegen werde. Ich trinke in Ruhe meinen Kaffe, kaue schön und massiere meine Fußsohle und beschließe, dass ich nicht überall meinen Senf dazugeben muss.

Irgendwann sind die beiden weg und Fernanda lädt zum gemeinsamen Mittagessen ein. Wir betreten die Wohnküche und finden eine rießige Küche mit einer langen Tafel und Stühlen vor. Dort sitzt die Familie und enge Freunde. Ihr Mann hat gekocht und es wird landestypisches Essen serviert. Es gibt Salat und Gemüse aus dem eignen Anbau, Fleisch, Kartoffeln, Piementos, Reis, Wasser und soviel Wein, wie das Herz begehrt. Zu guter letzt auch noch einen Esspresso und einen selbstgebackenen Kuchen von Fernandas Tochter.

Jetzt ist mir bewusst, warum Fernanda der heimliche Star auf dem Jakobsweg ist. Wichtig zu wissen: in der Küche steht eine Box und jeder gibt das, was er geben kann, will oder möchte. Donationbox.

Alle palavernn durcheinander und dieser Satz kommt auch von Fernanda:

man braucht kein Wifi, auf dem Weg ist es zu lernen und zu spüren, dass man sich gegenseitig hilft und teilt!

Wow, der Satz sitzt.

Nachmittags liege ich im Garten und es kommen immer mehr Pilger an. Ein junges Pärchen, die während Covid eine Weltreise machen und spontan beschlossen haben, den Jakobsweg zu laufen. Mit Turnbeutel und Badelatschen

Und dann ist da ein 75jähriger Mann, der von Lisboa gestartet ist und in Santiago seine Frau überraschen will. Denn diese ist mit den Enkel den Frances gelaufen. Er will zeitgleich mit ihr einlaufen. Während er das auf spanisch erzählt schaue ich ihn mir an und denke, lass alle Vorurteile daheim. Denn vor mir sitzt ein 75jähriger Mann mit Hemd und Wanderhose. Und sogar Viktor wird ganz leise, als er die Blasen und Füße von ihm sieht. Er will innerhalb fünf Tage den Weg nach Santiago di Compostela schaffen 😉

Auch ich werde leise, hoffe, dass mein Fuß morgen wieder belastet werden kann und genieße den Tag und Abend mit inspirierenden Menschen.

Nicht dass das Mittagessen schon sau geil war, nein, abends wird gegrillt, gelacht, getrascht und natürlich gemeinsam auf den Weg angestoßen. Meinen ersten Portwein trinke ich auch