Tagesspruch

es kommt niemals ein Pilger nach Hause, ohne ein Vorurteil weniger und eine neue Idee mehr zu haben

Thomas Morus

mein Weg heute

Ich bin früh wach. Kein Wunder, irgendwie war die Nacht ziemlich frisch. Trotz das ich ein tolles Zimmer hatte, war es arschkalt. Ich war in der Nacht wirklich froh über meinen Schlafsack, den ich irgendwann dann auch noch mit ins Bett genommen habe. Egal wie, es geht weiter. Ich mache mich gemütlich fertig, packe alles ein und stelle fest, dass ich super schnell fertig bin. Das ist die Muddi gar nicht mehr gewöhnt, nur noch sich um sich zu kümmern.

Gepackt mit Rucksack und meinen Sonnenhut, den ich mir noch am Ankunftstag in Porto gekauft hatte, mach ich mich auf den Weg. Ja Mama, wenn Du das jetzt hier liest, ich weiß: “Yvonne, nimm nen Hut mit, es wird heiß”. Was hat das schlaue Kind geantwortet, nachdem ich den Tropenhut vom Vadder gesehen hatte? “nee, brauch ich nicht”. Doch bereits bei Anreise durfte ich feststellen, bzw. klein bei geben, dass eine Kopfbedeckung doch Sinn macht. Also in erst besten Touriladen mir nen schicken dunkel blauen Strohhut gekauft.

Ich gehe runter ins Kaffee, bestelle mir einen Galhao und ein Croissant, setze mich vor die Tür und treffe Larissa von gestern Abend wieder. Wir frühstücken zusammen und beschließen, dass wir zusammen loslaufen. Denn schließlich haben wir den gleichen Weg. Wir wissen, dass wir uns trennen werden, denn sie hat vor, den Küstenweg zu laufen und ich wechsle dann auf den Central.

Es ist wieder früh für Portugal, wir sind die einzigen. Wir quatschen die ganze Zeit und obacht: quatschen auf dem Camhino sollte gut dosiert sein, denn vor lauter Quatschen übersieht man gerne die gelben Pfeile. So laufen wir zunächst an der Küste entlang. Es ist diesig und es hat eine hohe Luftfeuchtigkeit, aber ab elf Uhr klart es auf und die Sonne kommt raus.  Am Anfang gibt es keine wirklich tollen Dinge zu berichten. “landestypisch, nix Spektakuläres, Kopfsteinpflaster lässt grüßen” So steht es in meinem Notizbuch.

Wir verlassen Vila Cha, laufen an Feldern vorbei und passieren ein kleines Ort. Wir quasseln und in Vila do Condo als wir über die Brücke laufen, verabschieden wir uns. Larissa bleibt auf dem Küstenweg und ich biege rechts ab. Ich bin insgeheim froh, dass ich mir ihre Buchseiten fotografieren durfte, denn dort steht, dass die Hauptroute des Caminho an einer vielbefahrenen Straße entlang geht, die man lieber meiden und eine Alternativroute wählen soll. Diese allerdings ist nicht so gut beschildert. So folge ich den Beschreibungen des Buches, laufe den Weg nach oben, biege links ab und soll irgendwann einen langen Schornstein entdecken. Vertrauen ist das Stichwort. VERTRAUEN, Kontrolle abgeben 😉 Nachteil von dieser Route ist, dass es etliche Kilometer mehr sein sollen und irgendwann merke ich, dass ich meine Ferse weh tut. What??? Direkt am zweiten Tag??? Meine Ferse tut weh. Das kann ja gar nicht sein. Ich überlege, was der Grund sein kann und mir fallen leider nur meine Trekkingsandalen ein, die ich am Anreisetag bei meiner Sightseeingtour an hatte. Mir war bewusst, dass ich evtl. an manchen Stellen eine Blase bekommen würde, aber mir hatte noch nie die Ferse weh getan. Frage: hatte ich die Dinger jemals schon für ne Wanderung von knapp 10 km an? Nope! Ich würde sagen eins a Anfängerfehler. Nuja, ich laufe also. Landestypische Häuser wechseln sich ab und irgendwann verlasse ich die Zivilisation immer schon der Beschreibung des Buches nach. Gegen Ende wird es endlich waldiger. Die Leute, die ich treffe sind freundlich. Am Ende bis Rates merke ich, dass es meine Ferse ist, die mir Probleme macht.

In Rates angekommen entdecke ich eine öffentliche Herberge, schaue sie mir an. Im Eingang treffe ich auf einen weiteren Pilger. Gemeinsam bekommen wir die Herberge gezeigt, landen in einem Gemeinschaftsraum mit Hochbetten und ziemlich simpler Ausstattung. Da ich merke, dass ich nicht wirklich Lust habe, mir mit einem unbekannten Mann ein Zimmer zu teilen, sage ich freundlich Danke und verlasse die öffentliche Herberge, die mein Budget mit 5€ natürlich erfreut hätte.  Beim Rausgehen fällt mir ein, dass ich weiter unten eine Privatunterkunft gesehen habe, laufe dort hin und merke, dass mir der Typ folgt. Er spricht mich auf Englisch an, ob ich auch eine Unterkunft suche. Ich bejahe und er stellt sich als Viktor aus Polen vor. Gemeinsam klingeln wir, schauen uns auch dieses Haus an. Immerhin Einzelzimmer, doch so richtig dolle auch nicht wirklich. Viktor meint, dass es noch eine Herberge geben soll. Also gehen wir dort schauen.

Wir landen also in der Casa Matto bei einem alten Ehepaar. Es gibt rießige getrennte Zimmer. Extra Bad mit WC einen großen Garten. Das alte Ehepaar spricht nur Portugiesisch. Wir nicht. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen, jeder bekommt ein Zimmer. Wir verabreden uns zum gemeinsamen Abendessen. Der Tag war lang, ich war die ganze Zeit alleine unterwegs. Ich freue mich auf ein bisserl Abwechslung und Unterhaltung. Und ehrlich gesagt auch über Ablenkung, denn meine Ferse tut höllisch weh!

Es stellt sich beim Essen heraus, das Viktor seit drei Monaten Rentner ist und er eigentlich den Weg mit seiner Frau laufen wollte. Aus irgendwelchen Gründen macht er ihn nun allein. Im Gegensatz zu mir ist er allerdings in Lisboa gestartet. Sein Weg ging über Coimbra (soll wunderschön sein) bis Porto und von Porto dann bis Rates.

Auf dem Weg zum Restaurant läuft er mit Badelatschen. Denn er hatte jede Menge “blister, blister” Also Blasen an den Füßen. Wir essen zusammen, bestellen ein Pilgermenü und ich merke, dass es noch mäkelligere Menschen beim Essen gibt als ich. Meine Familie wird jetzt bestimmt sagen: “Nein, das kann nicht sein” Doch, doch, es gibt Steigerungen. Ich fands gut. Es gab Suppe, Oliven, Hähnchen, Reis, Pommes und zum Abschluss Melone.

Gesättigt gehen wir wieder nach Hause. Ich mache ein weiteres Telefonat daheim, melde mich kurz, erzähle, dass mir mein Fuß ziemlich weh tut. Die ersten Tränen rollen. Ich merke, dass ich ziemlich nah am Wasser gebaut bin, die Eindrücke und keine Ahnung was arbeiten an mir. Ich lege mich ziemlich früh ins Bett. Mitten in der Nacht wache ich auf, habe höllische Schmerzen. Ich bin froh, dass ich mir in meinem Notfallset IBU und einige homöopathische Mittel eingepackt habe. Mir laufen die Tränen nur so herunter, ärgere mich über mich selbst, dass ich bereits am zweiten Tag “abkacke”, nicht auf erfahrene Pilger gehört habe, die alle sagen, geh es am Anfang langsam an! Hey, ich habe die Sightseeingtour in Porto komplett unterschätzt. Und ja, der Weg nach Rates war auch lang. Ich habs komplett unterschätzt, denn am Ende waren es 22km mit einem Fuß, der eigentlich schon ab Vila do Condo weht getan hat.

Ich sitze also im Bett, schmeiße IBU und Rhus toxicodendron in mich rein, heule und kann nicht schlafen. Ich bin so fertig wegen den Schmerzen, dass ich denke, den Weg abbrechen zu müssen. Irgendwann schlafe ich ein

Zahlen, Daten, Fakten

22 km

höchster Punkt 150m, niedrigster Punkt 60m

6:20 Stunden unterwegs

Kosten: ca. 48 € inkl. Essen, Übernachtung, Frühstück, Wasser und Obst

Den kompletten Weg findest Du auf meinem Komootaccount