Rates – Barcelos Tag 3

Tagesspruch

jedermann klagt über sei Gedächtnis, niemand über seinen Verstand

Francois de la Rochefoucauld

Wegverlauf

Ganz eindeutig: mir gefällt ab hier der Wegverlauf wesentlich besser, denn alleine an der Anzahl der gemachten Bilder kann ich dies erkennen. So steht es aber auch in meinem Pilgertagebuch, welches hier heute am 12.06.2022 vor mir liegt.

Aufgrund der Schmerzen und Tränen in der Nacht, bin ich wirklich kurz davor, mir ein Taxi oder ähnliches zu suchen. Doch aufgeben ist keine Option. Der Generator bzw. der Pitta-Anteil lassen das nicht zu. Kann doch nicht sein, dass ich bereits an Tag 3 schlapp mache!!! So stehe ich unter Schmerzen auf, schmiere ordentlich Traumeel, werfe mir erneut eine IBU ein und hoffe, dass mein homöopathisches Mittel wirkt. Dank dem whats app support und Bestätigung meiner tollen Homöopathin ist zumindes mein Hirn beruhigt. Ich rede mir ein, dass ich einfach loslaufe und ich ja immerhin mir unterwegs ein Taxi holen oder irgendwo in einen Bus einsteigen kann. Ich werde doch mindestens 6km hinbekommen…

Ich verlasse bergauf Rates, doch kurz vor Ortsausgang steht linkerhand gleich eine schöne Kirche. Immerhin bin ich ja am Pilgern und es zieht mich in die Kirche hinein. Ich setze mich auf eine Bank, murmle mein Vorhaben und bitte um Unterstützung. Es ist mir egal, ob Gott, das Universum oder welche höhere Kraft es richten wird. Hauptsache irgendeiner.

Landschaftlich werde ich direkt belohnt. Mitten am Wegesrand wachsen Callas und andere Gewächse, die bei uns nur drinnen ihre Schönheit versprühen. Ich fotografiere mir mehrere Unterkunftswerbungen am Wegesrand ab, denn wer weiß, wo ich heute landen werde. Morgens ist es noch etwas bedeckt, ab 11:00 Uhr dann schlagartig heiß. Die Natur ist grün, üppig und irgendwann entdecke ich ziemlich weit vor mir endlich einen weiteren Pilger. Denn bisher habe ich keinen unterwegs getroffen. Es stellt sich nach ein paar Kurven und Anhöhen heraus, dass es Viktor ist. Ich bin bei Kilometer fünf angekommen. Sechs waren aufgrund der Schmerzen mein Tagesziel. Meine Bekanntschaft von gestern. Nachdem ich ihn bei Courel eingeholt habe, beschließen wir gemeinsam in diesem kleinen Dorf unser Frühstück gemeinsam einzunehmen. Es gibt wie immer Galaho und Croissant. Meine Ayurvedafreunde werden jetzt sagen, wie kann sie nur? Ganz einfach. Es ist Urlaub!

Wir trinken also gemeinsam Kaffee und beschließen, das Viktor ja auch von seinen Blisters geplagt ist, gemeinsam die Invalidentruppe zu bilden. Geteiltes Leid ist halbes Leid. So reden wir es uns ein ;-). Somit entscheide ich mich gegen meinen Bus.

Interssante Begegnungen

Viktor ist eindeutig eine der interessantesten Begegnungen auf meinem Weg. Er ist 70 Jahre alt und er wird mich ab hier mehrere Tage begleiten. Eins schon vorneweg, er ist auch eindeutig ein Lehrmeister für mich auf dem Weg.

Aufgrund seiner zahlreichen Blasen ist er mit Socken in Badelatschen unterwegs. Keine Sorge, der portugiesische Jakobsweg ist jetzt nicht soooo anspruchsvoll, dennoch Badelatschen find ich persönlich nicht so cool. Doch was willste machen? Blasen sind scheiße und der Weg will gegegangen werden. Manche laufen ihn auch barfüßig…

Zu den Blasen gesellt sich auch ein blauer Fußnagel. So ist es auf dem Jakobsweg. Man kennt sich ein paar Minuten und hat gleich einen Seelen- oder Sockenstriptease vor sich! Ich werfe mir ne Ibu und Magnesium ein und dann laufen wir beiden wie Pat und Patterchen weiter. Ich stelle fest, dass es in Gesellschaft und mit Unterhaltung der Weg sich leichter laufen lässt, ich bin abgelenkt. Bei Kilometer acht sind wir abermals in einem kleinem Ort. Ich entdecke eine Apotheke und bin um ein paar “richtig günstige Geleinlagen” für meine Wanderschuhe reicher. Info an Dich, die Dinger sind immer noch in meinen Wanderschuhen drin. Denn nach zwei Wochen am Stück wandern, sind die Schuhe weiter. Ohne die Dinger “schwimme” ich mittlerweile in meinen Wanderschuhen. Aber das nur am Rande. Wir laufen weiter, im Schneckentempo weiter. Entdecken kleine Friedhöfe und gelangen in die Pinienwälder. Wir beiden schlagen uns wacker, machen relativ oft Pause. In der nächsten Bar setzen wir uns natürlich wieder hin, mitten in eine portugiesische Männergruppe, Hände und Füße sei Dank. Im Augenwinkel beobachte ich den Fernseher und kann erahnen, dass die Covidzahlen und irgendwas mit Lissabon wichtig sind. Ich spreche die Portugiesen an, frage nach, ob ich es richtig verstanden habe und es wird bejaht.

Erhöhte Zahlen um Lissabon herum, hier brauche man sich keine Sorgen machen. Ganz ehrlich: ich habe andere Sorgen. Schmerzen. Ich will endlich meinen Jakobsweg laufen und ich begegene kaum Menschen, bisher habe ich keinen Grund, in Panik zu verfallen. Ich bin alleine unterwegs und schlafe in Einzelzimmern. Ich hinkend und Viktor in Zehensocken und Badelatschen verlassen das Kaff. Irgendwann kommt mir dann die Erleuchtung, dass in meinem Rucksack ja noch meine Trekkingsandalen sind. Ich frage Viktor, ob er diese anziehen möchte. Sie sollten immerhin besser als die Badelastschen sein. Und so kommt es, dass Viktor mit rosa Mustern an den Trekkingsandalen seinen Weg fortsetzt.

Nach 13 km kommt das erste Schild mit dem Hinweis, dass es nur noch schlappe 199 Kilometer bis Santiago sind. Ganz ehrlich: 200 Kilometer! Wie soll ich das schaffen? Doch ich sage mir: kleine Schritte, kleine Ziele, schau nicht auf die große Zahl. Lauf Deinen Weg, Dein Tempo. Du musst niemanden etwas erreichen. Insgeheim, will ich natürlich auch nicht scheitern, denn ich bin ja mein gröößter Kritiker!

Wir entdecken die obligatorischen Fließen an den Häusern, bewundern sie und laufen in unserem Tempo weiter. Es geht mit Feld, Wald, Mauern abwechselungsreich weiter. Und irgendwann entdecken wir linkerhand einen öffentlichen Garten der super viele Bäume mit Steinbänken hat. Wir beschließen abermals eine Pause zu machen. Ich bin stolz darauf, dass ich mein Yogahandtuch dabei habe. Bisher haben meine Reiseutensilien Sinn gemacht, denn ich kann mich rücklings auf den Boden legen. Die Beine auf eine Steinbank und mache ein kleines Nickerchen. Ich hab ja keinen Zeitdruck, keinen Termin. Und ehrlich gesagt, dass ist herrlich. Mein übrig gebliebenes Hähnchen vom Vortag lassen meinen Hunger weniger werden. Mehr brauchts nicht.

Dafür, dass ich eigentlich nur fünf Kilometer aufgrund der Schmerzen laufen wollte, werden es am Ende knappe 17 km. Wir laufen gemeinsam in Barcelos ein. Es ist 15 Uhr. Ich war von 07:30 Uhr unterwegs. Wir finden direkt im Ort oben eine Pilgerherberge, werden von Nachbarn zum Eingang geleitet, schauen uns diese an, entscheiden uns aber dagegen. Warum weiß ich gar nicht mehr so genau. Ach so, es ist eine Pilgerherberge mit Stockbetten und irgendwie zieht Viktor nicht so. Wir laufen also weiter. Unten rechts am Fluss gibts ein Hostel, die sind aber voll und somit bleibt uns “nur” die öffentliche Herberge. Ich merke, dass Viktor nicht so wirklich überzeugt ist. Mir tut mein Fuß weh, ich will nur noch ein Bett und lasse mich nun am dritten Tag auf das Abenteuer Gemeinschaftsschlafsaal ein. Immerhin für meinen Start in dieses Abenteuer keine Hochbettten, sondern jeder hat ein Einzelbett. Jeder sucht sich mit großem Abstand ein Bett. Jeder von uns ist froh, sein Ruhe zu haben. Wir duschen, richten unsere Dinge und dösen ein wenig. Meine Strategie mit der Trockenseife für Körper, Haare und Klamotten geht auf. Ich bin froh über meine Trekkingsandalen, die mir in der Dusche einen guten Dienst erweisen.

Viktor fragt mich, ob wir gemeinsam den Ort erkunden wollen.  Eigentlich sind es zwei Orte, die von einem Fluss getrennt sind. Eine Kirche, die auf einem kleinen Hügel steht ist das Highlight. Besonders erwähnenswert ist, dass ein wunderbarer Blumenteppich Barcelos schmücht. Ein Fest für die Augen. Wir wandeln also durch Barcelos, besuchen die Kirche, ich halte dort erneut inne und entdecken einen ganz tollen Platz der mehrere Bars, Cafés und Restaurants beherbergt, alles mit Stein und es sieht toll aus. Wir suchen uns einen Platz, ich schlürfe einen Weißwein und Vitor und ich teilen uns wie ein altes Pilgerehepaar irgendwas Kleines zu essen, da wir Hunger haben. Ich erfreue mich an meinem Caminho. Als “best dressed woman on the trail” geb ich mir alle Mühe, denn zu meiner Sommerhose gibt es auch noch das passende Oberteil. Beide sieht cool aus, wiegt nix und hat quasi kein Gewicht. Oben hui, unten pfui, denn unten hab ich die Wanderschuhe an. Die Geleinlagen sind gold wert. Die Schmerzen werden mit dem Laufen immer besser. Wir suchen nach einem Restaurant und werden direkt neben der öffentlichen Herberge fündig. Es ist eine Tapasbar. Da lässt sich der Portugiese nicht lumpen.

Hier gibt es sogar für die Pilger ein Pilger-Tapas-Menü. Wir schwelgen im siebten Himmel, bestellen Wein und irgendwann erzählt Viktor, dass heute seinGeburtstag sei! Na, wenn das mal kein Grund zum Feiern ist. Wir lassen es uns schmecken, am Ende sind wir schon so weit, dass sich jeder noch einen leckeren Nachtisch bestellt und wir diese uns teilen.

Voll gefuttert machen wir uns auf den kurzen Heimweg und stellen fest, dass wir zwei nicht mehr die einzigen Gäste in der Herberge sind. Ein Este ist eingezogen. Er erzählt, dass er schon mehrere Jakobswege gelaufen ist. Wir sitzen gemeinsam draußen, unterhalten uns und irgendwann geht das Tor der Herberge auf und ein Mädel samt Fahrrad kommt rein. Kein Mountainbike, kein Trekkingrad, so, wie wir es hier aus Deutschland, dem Odenwald kennen, nein, es ist in meinen Augen ein uraltes Ding, mit Korb vorne dran und Blumenschmuck. Es stellt sich raus, dass sie Portugiesin ist, kurzerhand beschlossen hat, den Jakobsweg samt Fahrrad zu bewältigen. Am Ende ist es egal. Denn jeder läuft seinen Weg. Wir sitzen noch in netter Runde beisammen, irgenwann verabschiede ich mich und hoffe auf Schlaf und weniger Schmerzen. Wobei diese an diesem tollen Abend nicht so sehr im Vordergrund standen. In der Nacht werden sie mich einholen und ich darf feststellen, dass mein mitgeführter Schlafsack scheiße ist. Macht nicht warm, knistert und insgesamt schlafe ich schlecht. …

Zahlen, Daten, Fakten

höchster Punkt 210 m, niedrigster Punkt 70m

insgesamt 17,3 km

6:57 Stunden mit Pausen unterwegs

Tagesausgaben: 56,80€ (28,50€ Gelsohlen), Herberge 10€ plus Essen

 

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